Bahn zieht Notbremse im Fernbus-Geschäft
16.09.2016 Grün oder grün? Für Fernbuskunden schrumpft die Auswahl. Denn die Bahn hat den Kampf gegen den grün getünchten Marktführer Flixbus aufgegeben. Eine Entscheidung mit Folgen – auch für die Fahrpreise? Berlin (dpa) – Eine «neue Ära» verkündete Bahnchef Rüdiger Grube stolz, als er am Mittwoch das neue Flaggschiff des Fernverkehrs präsentierte, den ICE 4. Zwei Tage […]
16.09.2016
Grün oder grün? Für Fernbuskunden schrumpft die Auswahl. Denn die Bahn hat den Kampf gegen den grün getünchten Marktführer Flixbus aufgegeben. Eine Entscheidung mit Folgen – auch für die Fahrpreise?
Berlin (dpa) – Eine «neue Ära» verkündete Bahnchef Rüdiger Grube stolz, als er am Mittwoch das neue Flaggschiff des Fernverkehrs präsentierte, den ICE 4. Zwei Tage später zieht Grube eine Notbremse: Der bundeseigene Konzern zieht sich aus dem verlustreichen Fernbusgeschäft weitgehend zurück. Ende des Jahres verschwindet die Marke BerlinLinienBus, die grünen Busse des Marktführers Flixbus dominieren die Straße. Fahrgäste fragen sich, ob der «Monopolist» an der Preisschraube dreht. Doch sie müssen sich keine allzu großen Sorgen machen.
Kann Flixbus nun die Preise diktieren? «Schön wär’s», bemerkt Geschäftsführer André Schwämmlein. Trotz 80 Prozent Marktanteils sei man kein Monopolist, schreibt er im Netzwerk Xing. Denn die Fernbusse locken vor allem preissensible Kunden. Ist der Bus zu teuer, steigen sie um: auf die Bahn mit ihren Aktionspreisen, den Billigflieger, Mitfahrzentralen oder das eigene Auto – denn Sprit ist noch immer relativ günstig. «Auch wenn wir Marktführer sind – willkürlich an der Preisschraube drehen können wir nicht», sagt Schwämmlein. Auch bei Qualität und Service stehe man im Wettbewerb.
Das deutsche Fernbus-Netz mit seinen 300 Linien bleibe umkämpft, stellte auch das Marktforschungsinstitut Iges kürzlich fest. Höhere Preise könnten die Anbieter kaum durchsetzen.
Flixbus war zuletzt durch Zukäufe stark gewachsen. Vergangenes Jahr übernahm man MeinFernbus.de und erst vor sechs Wochen den Postbus der Deutschen Post. Für dieses Jahr hat Schwämmlein schwarze Zahlen im Deutschlandgeschäft in Aussicht gestellt.
Es ist aber nicht ausgemacht, dass Flixbus die Lücke füllt, die BerlinLinienBus hinterlässt, das zuletzt ein Achtel des Marktes erobert hatte. Zwar hat Flixbus mit seinem Netz mittelständischer Subunternehmer beste Voraussetzungen. Doch in der Branche wird damit gerechnet, dass auch Unternehmen aus dem Ausland ihr Glück versuchen. Der Chef des Suchmaschinenanbieters busliniensuche.de, Martin Rammensee, nennt Anbieter wie Regio Jet aus Tschechien oder Hellö, die Tochter der Österreichischen Bundesbahnen, die seit dem Sommer auch nach Deutschland fährt.
Für die Bahn ist das Ende von BerlinLinienBus (BLB) eine Niederlage. Der Bundeskonzern bereite seinem Fernbusgeschäft eine «Beerdigung erster Klasse», so eine Reaktion aus der Branche. Denn die Bahn stellt ihre Hauptmarke komplett ein und verkauft die Tochter nicht an einen Konkurrenten, etwa ein ausländisches Unternehmen. Nur wenige Strecken übernimmt der konzerneigene IC Bus, der bislang einen Marktanteil von einem Prozent hat.
Die Bahn will die Verluste bei BLB nicht länger hinnehmen. Der Konzern nimmt beim Ticketverkauf früheren Angaben zufolge durchschnittlich nur 3,7 Cent pro Kilometer ein – es müssten aber sechs Cent sein, um schwarze Zahlen zu schreiben. Das IC-Bus-Geschäft habe sich als überzeugender für die Kunden und als wirtschaftlich nachhaltiger erwiesen, teilte Fernverkehrschef Berthold Huber mit – sprich: Das Ganze rechnet sich besser. Hier habe man langfristige Pläne.
Konzernchef Rüdiger Grube steht nach roten Zahlen im Vorjahr unter Druck, sich von Verlustbringern zu trennen. Über das bahneigene Fernbusgeschäft wurde schon länger spekuliert – verbunden mit heftiger Kritik am Staatskonzern. Grube habe den 2013 freigegebenen Markt unterschätzt, zu spät und zu unentschlossen auf die neue Konkurrenz reagiert, hieß es in der Branche. Außerdem sei der Fernbus als Konkurrenz im eigenen Haus angesehen worden.
«Das Scheitern von BerlinLinienBus.de zeigt beispielhaft, wie schwer sich Konzerne in neuen Märkten mit echtem Wettbewerb tun», sagt Rammensee. Und bdo-Hauptgeschäftsführerin Christiane Leonard spricht von einer «Fehlentscheidung» der Bahn. Die Deutsche Bahn, die sich gerne als umfassender Mobilitätsanbieter zeige, stelle mit ihrer Entscheidung ein «falsches Signal».
Denn noch immer beherrsche das Auto mit mehr als 80 Prozent der Verkehrsleistung den Mobilitätsmarkt in Deutschland, die Bahn komme auf mehr als 7 Prozent, der Fernbusverkehr auf unter ein Prozent. Als Mobilitätskonzern habe die Bahn eine Verantwortung für den öffentlichen Verkehr insgesamt in Deutschland, kritisierte Leonard. «Dieser wird aber durch die Entscheidung der Bahn geschwächt.»
Der Bund jedenfalls entlässt die Bahn nicht aus der Pflicht. Verkehrsminister Alexander Dobrindt (CSU) ließ am Freitag verlautbaren: «Es kommt jetzt darauf an, dass die Deutsche Bahn das Signal gibt, wie sie den Wettbewerb um mehr als 20 Millionen Fernbuskunden aufnimmt.»
Burkhard Fraune und Andreas Hoenig, dpa