Skiparadies Hokkaido: Tiefschneeabenteuer in Nisekos "Japow"

Niseko, 28. November 2017

Foto: Pixabay

Hokkaido genießt in der Skiszene einen geradezu mythischen Ruf. Die Insel im Norden Japans ist eines der zuverlässigsten Tiefschnee-Reviere der Welt. Das größte Skigebiet der Insel, Niseko United, lockt Freerider aus aller Welt. Und nicht nur die.

Leise rieselt der Schnee? Auf Hokkaido schneit es mit der Intensität eines tropischen Gewitterregens. Fast könnte man der Schneedecke beim Wachsen zuschauen. Ein halber Meter über Nacht ist im Januar keine Seltenheit, eher die Regel. Für Autofahrer ist Japans Nordinsel im Winter die Hölle - für Skifahrer ein Paradies.

Wegen der außergewöhnlichen Schneesicherheit pilgern Skifahrer und Snowboarder aus der ganzen Welt Anfang des Jahres nach Hokkaido. Japan als Skireiseziel boomt. Die meisten Gäste besuchen das größte Skigebiet der Insel, Niseko United. Die vier zusammengeschlossenen Areale Annupuri, Village, Grand Hirafu und Hanazono reihen sich an den Flanken des Mt. Niseko-Annupuri aneinander. Der Vulkankegel ist zwar nur 1308 Meter hoch, die Höhendifferenz zu den Orten beträgt allerdings beachtliche 1048 Meter.

Hokkaidos Top-Skiresort ist berühmt für seinen "Japan Powder". Den besonders pulvrig-leichten Tiefschnee in Japan nennen Freerider in der ganzen Welt nur "Japow". Zwischen Anfang Januar und Mitte Februar fällt in Niseko fast täglich Schnee.

"Die kalten Luftmassen aus Sibirien nehmen Feuchtigkeit aus der Japanischen See auf und treffen dann auf die Berge im Westen Hokkaidos", erklärt Christoph Gnieser. Das sei die perfekte Mischung für häufige und ergiebige Schneefälle. Der Geo-Wissenschaftler ist leidenschaftlicher Skifahrer. Während seiner Zeit als Professor an nordamerikanischen Unis tobte er sich in den Rocky Mountains aus. Dann entdeckte er Hokkaido. Seitdem kehrt er als Guide für einen deutschen Skireiseveranstalter Jahr für Jahr nach Japan zurück, um Gästen die Geheimtipps abseits der Pisten zu zeigen.

Niseko United ist auch für Pistenskifahrer eine Reise wert, das Beste aber verbirgt sich rechts und links der präparierten Abfahrten. "Hokkaido und insbesondere Niseko mit seinem Nachbarskigebiet Rusutsu sind echte Freerider-Paradiese", schwärmt Gnieser. Das liegt zum einen am ergiebigen Schneefall von rund 13 Metern pro Jahr, der die Schneedecke im Skigebiet zum Teil auf über vier Meter anwachsen lässt. Genauso wichtig sind aber die Topographie des Berges und sein Bewuchs.

Die relativ sanft abfallenden Flanken des Vulkans sind fast bis ganz oben von lichten Espen- und Bambuswäldern überzogen. Die Lawinengefahr ist so relativ gering. Die Sicht reicht selbst im dichtesten Schneetreiben, welches häufig herrscht und oft im wahrsten Sinne des Wortes wie aus heiterem Himmel kommt: Gerade noch schien die Sonne am tiefblauen Horizont, da drücken die meist starken Winde schon wieder neue Wolken gegen den Mt. Annupuri.

In Minutenschnelle verschwindet dann der 1898 Meter hohe Mt. Yotei gegenüber im Schneegestöber. Der Vulkankegel, den die Einheimischen Hokkaidos "Fuji" nennen, ist ein beliebtes Ziel für Skitourengeher. Diese steigen erst auf seinen Hängen auf, um dann im Krater abzufahren, bevor sie nach einem erneuten Aufstieg heimkehren. Solche Touren sollte man nur mit ortskundigen Führern und kompletter Sicherheitsausrüstung inklusive Lawinenairbags in Angriff nehmen. Der Mt. Yotei ist nur etwas für Experten. Auf die Geländeabfahrten in Niseko United aber dürfen sich auch Ski-Normalos trauen.

Die Bergwacht kontrolliert den Berg akribisch. Elf sogenannte Gates ins unpräparierte Hinterland werden nur dann geöffnet, wenn die Lawinengefahr nicht zu groß ist. Wer durch geschlossene Gates fährt, dem wird der Skipass entzogen. Verstöße gegen Regeln werden in japanischen Skigebieten konsequent geahndet. Und Regeln gibt es zuhauf. Wer glaubt, dass Deutschland überreglementiert ist, der war noch nie im super-disziplinierten Japan.

Vieles hier ist explizit verboten, noch mehr verpönt. Selbst in Damentoiletten warnen Schilder vor Fluchen in der Öffentlichkeit. Auch Naseputzen in Gesellschaft ist tabu, was angesichts von Durchschnittstemperaturen von minus zehn Grad im Januar auf Hokkaido zu Eiszapfen an den Nasen führt. Eisskulpturen im Gesicht sind in Ordnung, Schneereste an den Skistiefeln in der Gondel aber nicht. Deshalb hängen an der Niseko Gondola kleine Handbürsten am Eingang. Von Schneeresten befreit, reiht man sich dann - selbstverständlich ohne zu drängeln - in die Schlange ein.

Die Niseko Gondola ist die längste Gondel und zusammen mit jener im Nachbarort Grand Hirafu der Dreh- und Angelpunkt des Skigebiets, in dessen Hütten es neben Sushi und Nudelsuppen auch Pasta und Hamburger gibt. Niseko United bietet einen erstaunlichen Mix.

Neben High-Tech-Liften rattern altertümliche Einer-Sessellifte, die nur aus einer gebogenen Stange und einem 30 mal 30 Zentimeter großen Holzbrett als Sitz bestehen - und ohne Sicherungsbügel auskommen. Eine Fahrt mit den ironischerweise auch noch "King" oder "Wonderland" genannten Uralt-Liften ist fast so aufregend wie Freeriden auf den gigantischen Off-Piste-Hängen rechts und links des Niseko-United-Skigebiets oder das Nachtskilaufen in Grand Hirafu.

Nachtskifahren in Niseko ist etwas völlig anderes als in 99 Prozent der Alpen-Skigebiete. In Grand Hirafu sind nicht ein oder zwei Pisten ausgeleuchtet, sondern der halbe Berg. "Ich bin dort schon beim Nachtskilauf abseits der Piste Tiefschnee gefahren. Das ist unvergesslich", schwärmt Ski-Guide Gnieser.

In der Dunkelheit sind alle Sinne besonders wach. Das Kratzen der Skikanten auf dem knirschenden Schnee wird viel lauter wahrgenommen als tagsüber. Wechselt man dann von der Piste in das von hellen Birken durchsetzte Gelände, ist das überwältigend. Der aufstaubende Pulverschnee wird vom Flutlicht angestrahlt. Scharf setzt er sich vor dem tiefschwarzen Nachthimmel ab. Erstaunlich, wie gut man sich in der Nacht in dem nur leicht ausgeleuchteten Gelände orientieren kann. "In Niseko haben sie einen perfekten Winkel für die Flutlichtanlagen gefunden, so dass die Konturen in der Schneedecke fast besser zu sehen sind als tagsüber", erklärt Gnieser.

Allein für das Nachtskifahren in Niseko lohnt sich der Flug nach Hokkaido, das zumindest von der Fluggesellschaft ANA von Frankfurt via Tokio zum Flughafen Sapporo New Chitose bestens angebunden ist. Man kann ohne einen Übernacht-Zwischenstopp auf die Insel fliegen. Von New Chitose nimmt man am besten den Bus. Mehr als 40 pendeln pro Tag zwischen dem Airport und Niseko hin und her. Die Fahrt dauert rund zweieinhalb Stunden. Mietwagen dagegen sind extrem teuer und unpraktisch. Angeblich englischsprachige Navigationssysteme haben vor Ort doch japanische Menüs. Zudem muss man zuvor auch noch für rund 65 Euro seinen Führerschein übersetzen lassen.

Selbst Autofahren ist rund um Niseko im tiefsten Winter nur etwas für Nervenstarke - und das nicht, weil die Japaner links fahren. Neben den von Schneefräsen geräumten Straßen türmen sich manchmal meterhohe Schneewände auf. Über der Fahrbahn hängen blinkende Pfeile, damit man im dichten Schneetreiben zumindest noch eine grobe Richtung ausmachen kann. Dass Weiß die beliebteste Autofarbe der Japaner ist, macht die Sache nicht leichter.

Auch ohne Auto ist man in Niseko mobil. Von 8.00 Uhr bis fast Mitternacht pendeln die kostenlosen Skibusse zwischen den Orten. So kann man ruhig im Niseko Village direkt an der Piste wohnen, ohne auf das Nachtleben in Grand Hirafu verzichten zu müssen.

Grand Hirafu ist das pulsierende Zentrum von Niseko. Dutzende Restaurants präsentieren in großen Vitrinen ihre Sushi-Spezialitäten in Form erstaunlich echt wirkender Plastikmodelle. An der Hauptstraße wechseln sich unscheinbare Restaurants, die nur anhand der roten Laterne über zwei kleinen Vorhängen an der Tür als solche zu erkennen sind, mit edel aufgemachten Gourmet-Lokalen ab. Davor stehen einige amerikanisch anmutende Food-Trucks mit Pizza und Burgern im Angebot. Im «King of Kebabs» drehen sich zur Musik des King of Rock'n'Roll Elvis Presley riesige Fleischspieße.

In der "Japow"-Hochsaison bevölkern immer mehr tiefschneesüchtige Europäer und Nordamerikaner Niseko, das ansonsten fest in australischer Hand ist. Viele Ski-Shops werden von Australiern betrieben, auch zahlreiche Skilehrer und Skibergführer kommen aus Down Under. Einige schneearme Winter in den Alpen und zahlreiche Skifilme über das Tiefschneeparadies Hokkaido zeigen Wirkung. Niseko wird in der internationalen Skiszene immer bekannter und ist auf dem Weg zu einem Weltklasse-Resort.

Längst ist am Fuße des Vulkankegels ein Bauboom ausgebrochen. Jede Saison eröffnen neue Apartmenthäuser und internationale Luxushotels. 2018 sollen ein Sky Hotel und 2019 ein Ritz Carlton und ein Park Hyatt dazukommen. Vom Boom Nisekos zeugen auch die Edel-Restaurants. In Grand Hirafu ist das vom Guide Michelin zurecht mit einem Stern ausgezeichnet "Kamimura" die beste Adresse. An der Talstation des Hanazono-Lifts betreibt mit dem "Asperges" sogar ein Drei-Sterne-Koch aus Sapporo eine Winterdependance.

Essen und Trinken sind generell nicht günstig, dafür spart man das Trinkgeld. Guter Service ist für Japaner eine Selbstverständlichkeit, ein "Tip" deshalb verpönt. Es sei denn, man geht in den Tap Room im "Odin Place". Dort sind die Biere aus Niseko, die Kellnerinnen aber kommen aus Sydney.

Info-Kasten: Skigebiet Niseko United auf Hokkaido

Reiseziel: Niseko United ist das größte Skigebiet auf der japanischen Insel Hokkaido. Es liegt rund zweieinhalb Autostunden westlich von Sapporo. Hokkaido bietet im Januar und Februar aufgrund seiner tiefen Temperaturen sowie der regelmäßigen und ergiebigen Schneefälle beinahe eine Tiefschneegarantie. Hokkaidos Vulkanberge sind in der Skiszene berühmt für ihren "Japow" (Japan Powder).

Anreise und Formalitäten: Die besten Flugverbindungen von Deutschland nach Hokkaido bietet die japanische Airline ANA. Sie fliegt täglich von Frankfurt, Düsseldorf und München via Tokio auf die Insel. Für die Einreise reicht EU-Bürgern ein gültiger Reisepass.

Skigebiet Niseko United: 260 bis 1308 Meter, 70 Pisten, davon 16 schwere, 27 mittelschwere, 27 leichte, 11 durch Gates gesicherte Off-Piste-Areale, 30 Lifte, rund 13 Meter Schneefall pro Jahr, Durchschnittstemperatur im Januar und Februar minus 9,5 Grad Celsius.

Geld: Ein Euro entspricht 132 Japanischen Yen (20.11.2017).

Informationen: Japanisches Fremdenverkehrszentrale, Kaiserstr. 11, 60311 Frankfurt (Tel.: 069/20353, www.jnto.de).

Bernhard Krieger, dpa

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