Amerikas einsamste Straße - Unterwegs auf dem Highway 50 Von Stefan Weißenborn, dpa

Diese Straße ist perfekt für einen eigentümlichen Roadtrip: Nevada vermarktet den U.S. Highway 50 als einsamste Straße Amerikas. Nicht ohne Grund. Und wenn man vom Highway abfährt, wird es noch verlassener.

Reno (dpa/tmn) - Nach mehr als einer Stunde Warten kommt eine Dame mit viel Schminke im Gesicht über die Bretterveranda und stellt ein Monster von einem Burger auf den Tisch. Im bildlichen Sinne. Wir bekommen den «Monster Burger»: zwei entkernte Oliven in panierten Zwiebelringen als Augen, die Brötchenhälften als große Klappe.

Wir sind unterwegs auf dem U.S. Highway 50 in Nevada, der einsamsten Straße in Amerika, wie es heißt. Wir haben Station gemacht an der Middlegate Station, wo es eher wenig einsam ist. Eine Harley fährt ab, ein Mann parkt ein Oldtimer-Fotomotiv mit seinem Pick-up zu. Draußen auf der Veranda finden wir zunächst keinen Platz und können so erst einmal die Kneipe von innen bewundern, einst Station des berühmt-berüchtigten Pony Express.

Mitte des 19. Jahrhunderts war dies ein schneller Postdienst. Schnell hieß: Mit dem Pferd auf einer Route von 3000 Kilometern quer durch halb Amerika galoppieren. Auf dem Teilstück durch die gottverlassene Wüste Nevadas konnten sich Ross und Reiter unter anderem in Middlegate auffrischen. Bevorzugt junge, ungebundene und zähe Burschen unternahmen den gewagten Ritt. Darunter war für kurze Zeit auch der berühmte Buffalo Bill.

Nach Einsamkeit und Entbehrung fühlt sich zumindest Middlegate heute nicht mehr an. Die Decke der Kneipe ist mit Ein-Dollar-Noten übersät. Trinkgeld, das seit Jahrzehnten nicht eingelöst wird. Die Bedienung ist kein Eremit, dennoch schmallippig, aber nicht unfreundlich. «Ihr seid Euch sicher, ihr wollt den Monster-Burger?», fragt der Mann. Auch bulligere Typen als wir seien schon gescheitert.

Mit den vorgeblich so harschen Lebensbedingungen in der Wüste spielt ein Schild: «Middlegate Station. Residents 17», gefolgt von einer durchgestrichenen 18. Doch eine Geisterstadt, von denen es in Nevada so viele gibt, droht der ulkige Wild-West-Rasthof nicht zu werden.

«The Loneliest Road in America»: So nannte das «Life»-Magazin den Highway, dessen einsamstes Stück in Nevada über knapp 300 Meilen von Fernley bis Ely führt. Der Artikel sprach damals, 1986, nicht gerade eine Reiseempfehlung aus. Doch Nevada erklärte die Ödnis zur Attraktion. Schon im gleichen Jahr konnten sich Reisende einen «Survival Passport» besorgen, ihn an Stationen am Wegesrand abstempeln lassen, um stolz darauf hinweisen zu können, den Trip überlebt zu haben - ein zwar geschichtsvergessenes, aber funktionierendes Marketingkonzept. Bis heute.

Es gibt nicht viele Attraktionen entlang des US 50, doch dort, wo es etwas zu sehen gibt, trifft man Menschen. Zum Beispiel am Sand Mountain. Die meisten Roadtripper kommen von Westen her aus Las Vegas oder Reno, weil sie dort mit dem Flugzeug gelandet sind. Auch wir sind in dieser Richtung unterwegs.

Je näher wir dem Sandhaufen kommen, der sich linkerhand an eine Bergflanke schmiegt, desto mehr entromantisiert sich das Naturwunder aus zerriebenem Stein, der aus dem urzeitlichen Lake Lahontan stammt, einst Amerikas größter See. Auf der Stichstraße kommen uns Pick-up-Trucks entgegen, die auf Hängern Quads oder Cross-Motorräder transportieren. Der 3,2 Kilometer lange und 180 Meter hohe Sandhaufen, von den Ureinwohnern als Heiligtum verehrt, wird an Wochenenden von Motorsportlern entweiht.

Wenn die Maschinen aufheulen, fällt es schwer, den singenden Dünen zu lauschen - denn das tun diese tatsächlich mit bis zu 105 Dezibel Lautstärke, wenn der Wind nur richtig weht.

Das Gefühl des Alleinseins will sich zunächst nicht einstellen, auch wenn man über Dutzende Kilometer nicht viel mehr sieht als das Asphaltband vor sich. Die Straße schlängelt sich mal mehr, mal weniger. An manchen Stellen verschwimmt sie in der Ferne zu einer Spiegelung, woanders wird sie von einer Wolke in Schatten getaucht.

Liegt die Ernüchterung an den Telefonmasten, die entlang der Straße liegen und den Pony Express überflüssig machten? Oder am Gegenverkehr ab und an? Oder daran, dass man schlicht im Auto sitzt, die nächste Tankstelle gerade hier in Amerika schon kommen wird und man es so unendlich bequemer hat als die Reiter des Pony Express?

Die Zivilisation ist anwesend - auch oder gerade auf dem US 50, der sich größtenteils am alten Lincoln Highway orientiert, der ersten Straße, die Ost- und Westküste verband.

Es geht den Sand Springs Pass rauf, jetzt kurvt der Highway und verliert sich nicht mehr am Horizont in einer Nadelspitze. Immer wieder Berge als Kulisse. Viele Gipfel der weit über ein Dutzend Gebirgszüge, die man entlang der Straße passiert, sind zu Beginn des Frühjahrs noch weiß betupft. Im Great Basin National Park ist man sogar stolz darauf, einen der südlichsten Gletscher Nordamerikas präsentieren zu können.

Auch Donna Cossette ist es trotz der Entlegenheit der Gegend manchmal ein bisschen zu viel Betrieb. Ihre Mutter ist Native American vom Stamm der Paiute-Shoshone in Fallon, Cossette wurde vor einigen Jahren als erste Frau zur Vorsitzenden ihres Stammes gewählt. Heute gibt es noch 1300 Mitglieder, die in einem Reservat leben, das gerade einmal zweieinhalb Quadratkilometer misst.

Cossette hat uns zum Grimes Point unweit des Highways geführt, einer Ansammlung rötlicher Geröllbrocken. Dort ritzten Ureinwohner vor 5000 Jahren oder noch früher mehr als 1000 Felszeichnungen ins Gestein.

«Das sind die ältesten Kirchen Amerikas», sagt Cossette. «Weil die Leute hier beteten.» Grimes Point wurde vor dem Zweiten Weltkrieg als Müllkippe zweckentfremdet und ist noch heute in staatlichem Besitz.

Cossette würde aus dem Kulturschatz wieder einen Ort machen, an dem die Paiute ungestört Zeremonien abhalten können. «Aber das geht nicht, wegen der vielen Besucher.» Viel ist zwar relativ. Doch wir sind nachdenklich, als wir wieder auf den US 50 einbiegen.

Hinter Middlegate Station verlassen wir den Highway und biegen Richtung Süden auf die State Route 361 ab. Auf Google Maps hat uns ein Eintrag neugierig gemacht: Berlin.

Eben noch auf Asphalt, verwirbeln wir nun den Staub einer Schotterpiste. Auf 80 Kilometern außer uns kein einziges Auto. Dann sehen wir eine Ansammlung von windschiefen Bretterbuden an einer Anhöhe, im Silberrausch gegen Ende des 19. Jahrhunderts errichtet und nun eine echte Geisterstadt.

Wo in Berlin einst Minenarbeiter, Schmiede, Mühlenbetreiber und eine Prostituierte wohnten, sind heute die Fenster blind. Auf einer Veranda ein Tisch mit Flaschen, Werkzeugen und Utensilien, vor einer der Hütten das Gerippe eines verrosteten Ford Model T. Vor der alten Silbermühle ein Schild: «Danger! Keep out.» Einsturzgefahr.

Unser kleine Abstecher vom Einsamkeits-Highway führt uns über Ione, ein weiteres Ensemble aus eingefallenen Hütten und einem vernagelten Saloon. Das Ortsschild verheißt «The Town That Refuses To Die - Population 41» (Die Stadt die sich weigert zu sterben - Bevölkerung: 41). Auch hier keine Menschenseele.

In der Abenddämmerung - der Himmel tiefblau und die Wolken dick und orange - biegen wir nach weiteren aufreibenden 90 Kilometern über Schotter wieder auf den US 50 ein. Vertrauter Asphalt, Masten und Straßenmarkierungen und dann Austin, einer der vier Orte entlang des einsameren US-50-Teils. Knapp 200 Menschen, eine Kirche und ein Steinturm, der uns rechterhand begrüßt. Der Stephen King-Roman «Desperation» (Verzweiflung) wurde im Ort verfilmt.

Verzweifelt sind wir nicht, aber wir müssen weiter. Es ist dunkel, als wir die Spencer Hot Springs passieren. Das Big Smoky Valley hier ist ein Meer aus Wüstensalbei. Doch es liegt in Finsternis.

Hier befindet sich eine der wenigen Thermalquellen auf öffentlichem Land und damit ein willkommener Stop für US-50-Touristen. Doch ein Entspannungsbad nehmen wir nicht. Dafür legen wir in Eureka einen Tankstopp ein, kaufen Cashew-Kerne, verpassen aber den Stempeltermin im Opera House, das längst geschlossen hat.

Die Nacht verbringen wir 130 Kilometer weiter im «Jail House Motel» in Ely, einem in die Jahre gekommenen Vorläufer der Themen-Hotellerie mit Zimmern, die Zellennummern haben. Die Dinner-Option liegt hinter schweren Gittern. Als wir gegen 22.00 Uhr ankommen, zocken noch zwei graugesichtige Alte am Spielautomaten. Die Küche ist kalt.

Am Morgen dann das vielleicht einsamste Gefühl entlang des US 50. Wir spazieren entlang der Hauptstraße auf der Suche nach einem Kaffee und einem Happen zu essen. Vereinzelt schleichen Gestalten den Bürgersteig entlang, der Himmel ist wieder blau, doch die Läden haben zu - auch die Cafés, obwohl sie laut den Öffnungszeiten im Fenster längst Gäste erwarten müssten. Ausgerechnet in einer Stadt hat man das Gefühl, dass der Begriff «lonely» so richtig passt.

Auch eine Tankstelle mit Kassier-Häuschen im XXS-Format und einem Schild mit der Aufschrift «Friendly Fuels» hat geschlossen. Neben einer der Zapfsäulen, die aussehen, als seien sie seit Jahren nicht in Betrieb gewesen, liegen Pferdeäpfel. Die Reiter vom Pony Express können es nicht gewesen sein - aber wer dann?

Östlich von Ely läuft der U.S. Highway 50 weiter in Richtung Utah, unprätentiös und in aller Einsamkeit teilt er sich hier die Fahrbahn mit dem Highway US 6. Kein touristisches Schild weist darauf hin.

Info-Kasten: Nevada und der U.S. Highway 50

Anreise: Von Frankfurt/Main ganzjährig mindestens dreimal pro Woche nonstop mit Condor nach Las Vegas. Eurowings fliegt von Köln und München aus zwischen April bis Oktober zweimal wöchentlich nach Las Vegas. Reno erreicht man täglich mit Umsteigen innerhalb der USA.

Übernachtung: Entlang des US 50 gibt es in Nevada mit Fallon, Austin, Eureka und Ely nur vier kleinere Städte. Das Angebot an einfachen Unterkünften wie Motels und Bed-and-Breakfasts sowie RV-Parks für Wohnmobilreisende und einigen Hotels ist begrenzt. Daher früh reservieren. Während das Parken für RVs oft kostenlos ist, liegen die Preise in den Motels auf moderatem Niveau und starten bei umgerechnet um 65 Euro pro Nacht im Doppelzimmer.

Informationen: www.travelnevada.com

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