Popstar hinterm Propeller - Der Mythos um den "Roten Baron"

Berlin/Wittmund, 16. April 2018

Foto: Pixabay

Seine Fokker war knallrot, seine Kriegsbilanz so beeindruckend wie blutig: Manfred von Richthofen war eine der legendärsten Gestalten des Ersten Weltkrieges. Vor genau 100 Jahren wurde er abgeschossen. Doch der Mythos vom edlen Ritter der Lüfte hat auch Kratzer.

Tiefkühlpizzen sind nach ihm benannt, Autohändler, Restaurants und Computerspiele. Die Cartoonfigur Snoopy nimmt ihn ins Visier, Matthias Schweighöfer spielte ihn für eine große deutsche Filmproduktion. Kinder können seine rote Fokker, das berühmte Jagdflugzeug, mit Legosteinen nachbauen. Manfred Freiherr von Richthofen, der berühmte Jagdflieger des Kaiserreichs, wurde bereits im Ersten Weltkrieg wie ein Popstar gefeiert. Heute ist er Kult, eine Marke, eine Legende.

In seinen knallrot gestrichenen Doppel- und Dreideckern soll Richthofen rund 80 Flugzeuge vom Himmel geholt haben. In der Heimat feiern sie ihn dafür als «Roten Baron», die Gegner fürchten und respektieren den «Roten Teufel». Bereits zu Lebzeiten wird er zur ritterlichen Heldenfigur hochstilisiert. Die Nazis schlachten Richthofen für ihre Propagandazwecke aus.

Eine Szene, die bereits unzählige Male erzählt und verfilmt worden ist: Manfred von Richthofen sitzt in seiner Fokker auf der Jagd nach feindlichen Fliegern. Er stellt in dem Dreidecker einem Engländer nach und nimmt ihn unter Beschuss. Als er sieht, dass sein Gegner sich wegen einer Ladehemmung seines Maschinengewehrs nicht wehren kann, stoppt er den Angriff und zwingt den Engländer zu landen - am Boden begrüßt er ihn freundlich und bietet ihm eine Zigarette an. Sportsgeist. Ritterlichkeit. Edelmut. Das sind die Botschaften.

Historiker Joachim Castan, Autor einer umfassenden Biografie von Richthofen, zweifelt am Mythos vom edlen Ritter der Lüfte. Was genau in der Luft damals geschah, sei ungewiss. An anderer Stelle habe der Baron aber auch auf kampfunfähige Gegner «draufgehalten». Tatsächlich hätten nur 33 der über 100 vom Baron abgeschossenen Piloten und Besatzungsmitglieder überlebt, sagt der Historiker.

Castans Credo: Die Propaganda überdecke die Persönlichkeit. Richthofen sei vor allem Jäger gewesen. Er sammelte Trophäen und strebte nach Ruhm. Die Luftduelle sah der junge Deutsche als Wettkampf. Bereits in seiner Jugend zählt für den 1892 in Breslau geborenen Richthofen vor allem die Jagd. Andere Leidenschaften sind ihm fremd. Frauen spielen in seinem Leben keine Rolle - trotz vieler Bewunderinnen. Vier Monate nach seinem ersten Abschuss wird ihm 1917 eine eigene Jagdstaffel unterstellt.

Das Luftwaffengeschwader 71 der Bundeswehr im ostfriesischen Wittmund ist nach Richthofen benannt. In Wittmund ist man stolz auf den Kampfflieger. Dort wird ein rotes «R» auf die Flugzeuge lackiert. Er sei Identifikationsfigur für die Soldaten und stehe für soldatische Werte wie Kameradschaft und Pflichtbewusstsein, sagt Kommodore Kai Ohlemacher. Zudem habe er mit seinen Taktiken die Grundlagen der militärischen Luftfahrt gelegt, von denen man heute noch profitiere.

Die Bundeswehr ringt besonders seit dem Skandal um den rechtsextremen Soldaten Franco A. mit ihrem historischen Erbe, vor allem mit der NS-Zeit. Aber Richthofen ist für die Soldaten in Wittmund dennoch Vorbild. Man sehe den Menschen Richthofen, nicht das Regime, sagt Oberstleutnant Ohlemacher. Das sei im Einklang mit dem neuen Traditionserlass der Truppe. Am 100. Todestag wird er in Wittmund mit einer Serenade geehrt.

Auch Castan räumt ein, dass es sich um den erfolgreichsten Jagdflieger des Ersten Weltkriegs handle. «Unerschrocken war er zweifellos, kaltblütig auch.» Richthofen sei es vor allem um die Abschussquote gegangen. «Heroische Ziele sehe ich bei ihm nicht.» Die Erzählung vom sauberen Luftkrieg hält Castan für eine Mär. Im Krieg herrsche eben pure Brutalität.

Die bekommt Richthofen auch am eigenen Leib zu spüren. Im Sommer 1917 trägt er in einem Luftkampf eine Schusswunde in der Stirn davon. Die Kugel lähmt ihn und macht ihn blind - allerdings nur für einige Momente. Es gelingt ihm, seine Maschine zu landen, bevor er bewusstlos wird. Gegen den Rat der Ärzte ist er schon nach kurzer Zeit wieder in der Luft.

Am 21. April 1918 wird der erst 25-Jährige über Nordfrankreich abgeschossen - wohl nicht in einem heroischen Luftkampf, sondern hinter feindlichen Linien von einem Maschinengewehr-Schützen am Boden. Der «Rote Baron» ist nach einer Theorie einiger Forscher letztlich deshalb am Ende abgeschossen worden, weil er durch die Kopfverletzung unvorsichtig geworden war, sich immer wieder in waghalsige Manöver stürzte. Die genauen Umstände seines Todes sind - passend zum Mythos - bis heute nicht geklärt.

Nico Pointer, dpa

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